september 2016, kino arsenal

No Home Movies – Filme von Chantal Akerman

Auch wenn NO HOME MOVIE nicht zum Vermächtnis der 2015 verstorbenen belgischen Filmemacherin und Videokünstlerin Chantal Akerman geworden wäre, würde sich dieses Porträt vom Lebensende ihrer betagten Mutter als Ausgangspunkt einer Rückschau auf ihr Werk anbieten – ein an die 50 Arbeiten umfassendes Werk, das seit 1968 tiefe Spuren in der Geschichte des modernen Kinos hinterlassen hat, radikal, experimentierfreudig, facettenreich und oft autobiografisch grundiert. Ein Werk, das in all seinen Formen und Genres aufgrund des Traumas der Shoah von einer existentiellen Unbehaustheit durchzogen ist und in dessen Zentrum, so formulierte Akerman es selbst, ihre Mutter Natalia (Nelly) steht, eine polnische Jüdin, die als einzige ihrer Familie Auschwitz überlebte und darüber stets schwieg. In NO HOME MOVIE und TOUTE UNE NUIT ist sie in persona zu sehen, in anderen Filmen tritt sie als körperlose Stimme aus dem Off, in zitierter oder in fiktionalisierter Form in Erscheinung. Im Gedenken an Chantal Akerman, die sich als Nomadin sah, die nirgendwo hingehörte, zeigt das Arsenal eine Auswahl von ganz unterschiedlichen Filmen der großen Avantgardistin, die mit ihrer letzten Arbeit NO HOME MOVIE in Dialog treten.

september 2016, kino arsenal

Filmmusik: Krzysztof Komeda

Der polnische Jazz-Musiker und Komponist Krzysztof Komeda (1931–1969) zählt zu den herausragenden europäischen Filmkomponisten der 60er Jahre. Zwischen 1957 und 1968 komponierte er die Musik zu mehr als 60 kurzen und abendfüllenden Filmen, Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Fernsehfilmen. Wir zeigen als Hommage 14 seiner Arbeiten, darunter Werke von Roman Polanski, Jerzy Skolimowski, Jerzy Stefan Stawiński, Andrzej Wajda und Henning Carlsen.

 

Komeda war unter seinem bürgerlichen Namen Krzysztof Trzciński als HNO-Arzt tätig, ehe er 1956 durch den Auftritt seines Sextetts beim ersten Jazzfestival in Sopot zum populärsten Musiker Polens wurde. Das Festival markierte den Beginn einer Liberalisierung gegenüber dem staatlich geächteten Jazz und der Auftritt Komedas den Anbruch eines neuen jazzmusikalischen Selbstverständnisses. In keinem anderen Land erlangte Jazz eine so große politische Bedeutung wie in Polen, wo er nicht nur Ausdruck einer westlichen Jugendkultur, sondern auch zum Symbol für Freiheit wurde. Durch Roman Polanski, der Komeda bat, die musikalische Gestaltung seines an der Filmschule in Łódź entstandenen Kurzfilms Rozbijemy zabawę (Break Up the Dance) zu übernehmen, begann Krzysztof Komeda 1957 auch als Filmkomponist zu arbeiten. Es war der Auftakt zu einer der fruchtbarsten Kooperationen zwischen Regisseur und Komponist in der Geschichte des Films. Bis zu seinem frühen Tod schrieb Komeda, mit Ausnah-me von Repulsion, für den er keine Arbeitserlaub-nis in England erhalten hatte, alle Filmmusiken zu Polanskis Spielfilmen sowie zu zahlreichen seiner Kurzfilme. Zur Charakteristik von Komedas Filmkompositionen zählt eine präzise Koordination von Handlung und Musik, die nur dann Verwendung fand, wenn sie dramaturgisch notwendig erschien: "Lieber zu wenig, als zu viel." (KK) Komeda, der meist bereits zu einem frühen Zeitpunkt in die Filmplanung einbezogen war, verzichtete auf vordergründiges Illustrieren und akzentuierte eher das Atmosphärische als das Dramatische. Die Basis seiner facettenreichen Filmkompositionen war der Jazz, ab Mitte der 60er Jahre verwendete er zunehmend Elemente klassischer, experimenteller und populärer Musik. "Seine Musik war kühl und modern, aber in ihr schlug ein warmes Herz. Er war der Filmmusiker par excellence. Er gab meinen Filmen Wert. Sie würden wertlos sein ohne seine Musik." (Roman Polanski)

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Magical History Tour - Zäsuren der Filmgeschichte

Momente des Wandels, der Umbrüche und Krisen in der Filmgeschichte stehen im Mittelpunkt der Magical History Tour im September. Gezeigt werden Filme, die direkt auf technische, ökonomische, soziale oder politische Veränderungen Bezug nehmen, diese markieren oder davon beeinflusst sind, aber auch Arbeiten, in denen besondere Zäsuren erst mit Verzögerung ihr Echo finden. Offensichtliche filmische Spiegelungen einschneidender Ereignisse stehen neben Werken, deren Reflexion vergangener Krisen sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Die Filmgeschichte an ihren Schnittstellen und Epochenschwellen zu betrachten, lädt einmal mehr dazu ein, die Geschichte des Films nicht in einer kontinuierlichen, einem vermeintlichen "Fortschrittsgedanken" verpflichteten Entwicklung zu sehen, sondern als vielfältig lesbares Netz von Diskontinuitäten und Verwerfungen.