mai 2017, kino arsenal

Retrospektive Márta Mészáros

In der Filmgeschichte Ungarns nimmt Márta Mészáros einen einzigartigen Platz ein. 1931 geboren, studierte sie in den 50er Jahren an der Moskauer Filmhochschule WGIK und drehte anschließend zahlreiche, meist kurze Dokumentarfilme. 1968 realisierte sie mit ELTÁVOZOTT NAP (Das Mädchen) ihren ersten Spielfilm, der gleichzeitig der erste von einer Frau gedrehte ungarische Spielfilm war, und brachte damit eine dezidiert weibliche Perspektive in das ungarische und europäische Filmschaffen. Die vielfach ausgezeichnete Regisseurin, die 1975 unter anderem den Goldenen Bären der Berlinale für ADOPTION gewann, ist bis heute als Filmemacherin aktiv.

Besonders in ihren ersten Spielfilmen ist ihr filmischer Stil von einem dokumentarischen Realismus und genauen Milieuschilderungen geprägt. Später wendet sie sich einer opulenteren Filmsprache mit oft symbolistischen Bildern zu, bleibt ihren Themen aber immer treu. Im Mittelpunkt ihrer Filme stehen stets Frauen – arbeitende Frauen, wie Márta Mészáros in einem Interview einmal hervorhob – und ihr Streben nach Unabhängigkeit im privaten wie im gesellschaftlichen Bereich. Regelmäßig lehnen sie sich gegen die patriarchale Ordnung auf, tun dies aber ohne große Worte oder Programm. Liebesbeziehungen sind meist ambivalenter Natur, von Konflikten geprägt und scheitern am starren Rollenverständnis des Mannes, während die Frauen mit großer Kompromisslosigkeit auf ihrer Souveränität bestehen und sich nicht in eine passive Rolle hineindrängen lassen. Allen Protagonistinnen gemein ist eine Skepsis gegenüber romantischen Versprechen und ein gänzlich illusionsloser Pragmatismus. Besonders in ihren frühen Filmen schildert Mészáros ungeschönt das Ringen von Frauen um Autonomie und Intimität, wobei ihre Haltung trotz eines klaren und unsentimalen Blicks von viel Sympathie für die Figuren geprägt ist.

Márta Mészáros versteht das Filmemachen immer auch als eine Reflexion der eigenen Biografie sowie der Geschichte ihres Landes. Sujets wie Elternlosigkeit, die Suche nach Mutterschaft, der Umgang mit Verlust und Vergessen sind von persönlichen Erfahrungen durchdrungen. Von den politischen Umständen und ihren Auswirkungen auf das Leben normaler Menschen können diese persönlichen Gefühle aber nie getrennt werden – eine Erfahrung, der sie als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geborene Osteuropäerin nicht entkommen konnte. Besonders eng verknüpft ist diese Verbindung in Mészáros' in den 80er Jahren entstandener "Tagebuch-Trilogie", die man als ein Zentrum ihres filmischen Werks verstehen kann. Darin erlebt ihr Alter Ego Juli Kovács das Erwachsenwerden in den politisch dramatischen Zeiten des Stalinismus und des ungarischen Aufstands von 1956. Wie Juli verbrachte Márta Mészáros ihre Kindheit in der UdSSR, wohin ihre Eltern in den 30er Jahren ausgewandert waren. 1938 wurde ihr Vater, der Bildhauer Lászlo Mészáros, von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet und verschwand spurlos. Wenige Jahre später starb ihre Mutter an Typhus. Das staatlich verordnete Vergessen des stalinistischen Terrors und seiner vielen Opfer beschäftigte sie zuletzt 2004 in THE UNBURIED MAN, einem Spielfilm über die letzten Jahre Imre Nagys, der als Regierungschef während des ungarischen Volksaufstands für demokratische Reformen einstand und später verhaftet und hingerichtet wurde.

Wir freuen uns, im Anschluss an die Hommage an Márta Mészáros auf dem goEast-Filmfestival in Wiesbaden eine Auswahl ihrer wichtigsten Filme zeigen zu können und eröffnen die Filmreihe mit ELTÁVOZOTT NAP und einer Einführung von Sabine Schöbel.

mai 2017, kino arsenal

Rollen & Spiele – Die Filme von Matías Piñeiro

Der argentinische Filmemacher Matías Piñeiro (*1982) gehört zu den vielversprechendsten Talenten des Gegenwartskinos. Auf den großen internationalen Festivals finden seine Filme regelmäßig Beachtung und Anerkennung – hierzulande waren sie jedoch, mit Ausnahme von VIOLA, der 2013 im Forum der Berlinale lief, bisher nicht zu sehen. Vor diesem Hintergrund präsentiert das Arsenal nun eine Werkschau mit den fünf langen und zwei kurzen Filmen Piñeiros aus den Jahren 2007 bis 2016. Wir freuen uns sehr, dass Matías Piñeiro dank der Unterstützung der Botschaft von Argentinien am Eröffnungswochenende persönlich zu Gast im Arsenal sein wird. Neben den Publikumsgesprächen findet am 6. Mai in der Reihe "Revolver Live" ein von den Filmemachern Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth moderiertes Werkstattgespräch statt.

Die Filme von Matías Piñeiro verbinden auf stilistisch eigenwillige und unverkennbare Weise die Kunst des Films mit anderen Künsten wie Theater und Literatur. Seit 2010 arbeitet Piñeiro an einem ungewöhnlichen Projekt: In seinen mittlerweile vier wortreich-beschwingten Shakespeare-Variationen versetzt er Frauenfiguren, Themen, Stimmungen und Dialoge aus Shakespeares Komödien sowie deren komplizierte Beziehungsreigen in gegenwärtige Lebenszusammenhänge in Argentinien oder New York – während in seinen ersten beiden Filmen die Bücher des argentinischen Schriftstellers und Politikers Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888) eine große Rolle spielen. Stets geht es um einen Freundeskreis von Mittzwanzigern bis Mittdreißigern, der etwas abseits der Gesellschaft lebt und sich intensiv der Literatur, dem Schauspiel oder der Musik widmet. Immer stehen Frauen im Vordergrund und es wird viel und schnell gesprochen. In allen Filmen tritt nahezu das gleiche Ensemble auf. Die Tonlage ist heiter, verspielt, und auch bei heiklen Konstellationen und Gefühlslagen bleibt eine dramatische Zuspitzung aus. Sprunghaft wie die Charaktere ist auch die Erzählstruktur, das Tempo umwerfend, die Kameraführung brillant und die Choreografie von Figuren und Gesten ungemein präzise.

mai 2017, kino arsenal

filmPolska_Kamerakunst: Marcin Koszałka

Drehbuchautor, Kameramann, Regisseur von Dokumentar- und Spielfilmen: Marcin Koszałka gehört zu den vielseitigsten Filmschaffenden des zeitgenössischen polnischen Kinos. Besonderer Schwerpunkt seiner filmischen Arbeit sind – seit seinem so ernsthaften wie schonungslosen Dokumentarfilmdebüt TAKIEGO PIĘKNEGO SYNA URODZIŁAM (Such a Nice Boy I Gave Birth To, Polen 1999) – physische wie psychische, fiktive wie reale Extremsituationen, die er als Regisseur wie auch als Kameramann mit immer neuen filmischen Ausdruckweisen ergründet und dabei kontinuierlich auch die Grenzen des Darstellbaren thematisiert.

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