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Geschichte des Internationalen Forums des Jungen Films
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Das Internationale Forum des Jungen Films verdankt seine Entstehung (ähnlich wie die Quinzaine des réalisateurs von Cannes) den Erschütterungen des Berlin-Festivals im Gefolge der Studentenbewegung vom Mai 1968. 1970 gerieten die Berliner Filmfestspiele unter der Leitung von Alfred Bauer in eine tiefe Krise; sie wurde durch einen deutschen Film ("O.K." von Michael Verhoeven) ausgelöst, der eine kritische Stellungnahme zum Vietnam-Krieg enthielt. Es entstanden Gerüchte, dieser Film solle wegen seines angeblich anti-amerikanischen Charakters nachträglich wieder aus dem Wettbewerb der Berlinale herausgenommen werden. Dies allein setzte eine von Tag zu Tag zunehmende Fülle von öffentlichen Debatten, Pressekonferenzen und improvisierten Versammlungen in Gang, die das Festivalgeschehen immer mehr dominierten und schließlich den vorzeitigen Abbruch der gesamten Veranstaltung nötig machten.

Viele Diskussionsteilnehmer, weite Teile der öffentlichen Meinung und auch der Filmkritik waren damals tatsächlich der Meinung, daß eine Umorientierung der Filmfestspiele notwendig geworden sei und man die bisherigen Grundsätze des Festivals in Frage stellen müsse, insbesondere dessen bisherige überwiegende Orientierung auf Starkult und Filmkommerz. Die für die Filmfestspiele zuständige, vom Bund und vom Land Berlin getragene "Berliner Festspiele GmbH" kam schließlich nach mancherlei Hearings und Erörterungen zu dem Entschluß (der gegen Jahresende 1970 verkündet wurde), daß man zwar die Filmfestspiele auch 1971 in unveränderter Form weiterführen wolle, man zusätzlich aber die (schon 1963 gegründeten und in Berlin durch viele Aktivitäten hervorgetretenen) "Freunde der Deutschen Kinemathek"mit der Durchführung einer neuen Veranstaltung "Internationales Forum des Jungen Films" beauftragen wolle, die zwar im Rahmen der Filmfestspiele (und von der Festspiele GmbH finanziert), aber unter eigener Verantwortung der "Freunde der Deutschen Kinemathek" stattfinden solle.

Dies war nun die Kompromißformel für Berlin, und nachdem die Vorverhandlungen zwischen Festspiele GmbH. und den Freunden der Deutschen Kinemathek positiv verliefen, fand 1971 die "Berlinale" zum ersten Mal unter Einschluß der neugeborenen Veranstaltung "Internationales Forum des Jungen Films" statt. Zunächst (und für eine Reihe von Jahren) wurden allerdings die beiden Teile des Festivals ("Wettbewerb" und "Forum") als zwei voneinander unabhängige, miteinander konkurrierende Veranstaltungen empfunden (was der Realität auch wirklich entsprach). Die "Freunde" entwickelten ihren Festivalteil nach völlig eigenen Konzeptionen - sie basierten auf den Grundlagen der bisherigen Filmarbeit des Vereins der "Freunde" und auch auf bestimmten internationalen Vorbildern (z.B. der "Woche der Kritik" von Cannes und der "Mostra del nuovo cinema" von Pesaro).

Was waren diese neuen Grundgedanken des Forums? Zunächst einmal eine Auswahl von Filmen ohne jede Kompromisse und Rücksichtnahmen nach den eigenen Wertvorstellungen und Anschauungen des Auswahlkomitees des Forums; dabei sollte nicht nur der künstlerische Rang eines Films, sondern vor allem seine formale Neuartigkeit, sein Beitrag zur Entwicklung einer neuen Sprache und Ästhetik des Films ausschlaggebend sein; nebenbei sollten auch Filme, die Zeugnis von sozialen und politischen Entwicklungen ablegen, sowie ganz allgemein die Filme der Dritten Welt im Mittelpunkt des Forums stehen.

Darüberhinaus sollte sich aber die Tätigkeit des Forums nicht in einer auf 10 oder 12 Tage bemessenen Veranstaltung erschöpfen, sondern über die Grenzen des Festivals hinausgehen; indem nämlich die "Freunde" als Veranstalter des Forums ihre Anstrengung darauf richteten, die Filme auch nach Beendigung des Forums in Berlin zu behalten und die Kopien auf der Grundlage von Verträgen mit den Filmemachern, Produzenten oder Rechteinhabern für die kuturelle Filmarbeit zur Verfügung zu stellen (d.h. im wesentlichen für Filmclubs, kommunale Kinos und Bildungseinrichtungen, je nach Lage der Verträge und Eigenart der Filme aber auch für Filmkunsttheater).

Darüberhinaus hat das Forum von Anfang an den Diskussionen zwischen Publikum und Filmemachern im Kino unmittelbar im Anschluß an die Vorführung eines Films große Wichtigkeit beigemessen und dies zu einem seiner wichtigsten Prinzipien gemacht (die Publikumsdiskussionen treten an die Stelle von Pressekonferenzen, die nur in Einzelfällen zusätzlich stattfinden können). Und schließlich hat das Forum ebenfalls einen großen Teil seiner Zeit und seiner Energie in die Herstellung besonders inhaltsreicher Informationsblätter zu den einzelnen Filmen investiert. Diese Forumsblätter haben im Lauf der Zeit einen Standard gesetzt, dem auch andere Festivals nahezukommen suchen; sie enthalten nicht nur genaue technische Angaben zu dem jeweiligen Film, sondern auch ausführliches Hintergrundmaterial, Kritiken, Interviews, Aufsätze zur Thematik des Films usw. sowie natürlich eine Biofilmografie des Regisseurs. Sinn dieser Blätter soll es sein, ein vertieftes Verständnis jedes einzelnen Films herzustellen. Denn für das Forum zählt der einzelne Film nicht als Ware der Industrie, hergestellt zum Zwecke der Unterhaltung und der Erwirtschaftung von Profiten, sondern als künstlerisches Produkt und als Teil eines Prozesses von Kommunikation.

Nach diesen Prinzipien arbeitet das Forum seit seiner Gründung im Jahre 1971 (inzwischen gibt es 19 Bände gesammelter Informationsblätter zu den einzelnen Filmen, zu denen später auch Videos kamen; ein Index über alle Titel und Regisseure ist in Vorbereitung, und durch die Sammel- und Verleih-Tätkgkeit der Freunde der Deutschen Kinemathek hat sich inzwischen ein umfangreicher Betand an Filmkopien ergeben, die ständig in den Filmclubs und Kommunalen Kinos der Bundesrepublik zirkulieren und darüberhinaus auch oft ins Ausland zu Filmfestivals, Kulturinstituten und Filmarchiven geschickt werden). Einziges Problem bei dieser Arbeit ist, daß es keine Mittel gibt, um im Lauf der Zeit abgespielte Kopien zu erneuern, so daß die Freunde manchmal in den Konflikt kommen, sich zwischem dem Zeigen eines Films (der Abnutzung bis hin zur möglichen Zerstörung) und dem Erhalten einer Kopie entscheiden zu müssen. Heute umfaßt der Verleihkatalog der Freunde ein Repertoire von ca. 500 Titeln; Schwerpunkte sind ethnographisches Kino, Experimentalfilme, Filme von Frauen, politische Dokumentarfilme, Filme der 3. Welt.

Dem Forum wurde sogleich im ersten Jahr seiner Existenz und auch in den Folgejahren ein durchschlagender Erfolg zuteil. Hier einige Titel, die zu den wichtigsten des ersten Forums im Jahre 1971 gehörten:

"GESCHICHTEM VOM KÜBELKIND" (Ula Stöckl und Edgar Reitz, Bundesrepublik Deutschland), "DER GROßE VERHAU" (Alexander Kluge, Bundesrepublik Deutschland), "NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS..." (Rosa von Praunheim, Bundesrepublik Deutschland), "LA SALAMANDRE" (Alain Tanner, Schweiz), "JAMES OU PAS" (Michel Soutter, Schweiz), "ANAPARASTASSI" (Theo Angelopoulos, Griechenland), "W.R. - DIE MYSTERIEN DES ORGANISMUS" (Dusan Makavejew, Jugoslawien), "OTHON" (Jean Marie Straub, Bundesrepublik Deutschland/Italien), "THE MURDER OF FRED HAMPTON" (Mike Gray, USA), "GISHIKI" ("Die Zeremonie", Nagisa Oshima, Japan), "MARE'S TAIL" (David Larcher, Großbritannien); weiterhin liefen Filme aus Algerien, Marokko, Chile, Uruguay, Argentinien, darunter auch zahlreiche Dokumentarfilme - das Forum hat in seiner Arbeit nie einen Unterschied zwischen Fiktions- und Dokumentarfilmen gemacht.

Das Forum begann seine Veranstaltungen zunächst im bescheidenen Rahmen - in den Kinos "Atelier am Zoo" und im eigenen Kino "Arsenal", das seit 1970 bestand (hier gab es im Sommer 1970 bereits Veranstaltungen aus Anlaß der Berliner Filmfestspiele, so zum Beispiel eine Fassbinder-Retro mit fünf Filmen (die erste, die überhaupt irgendwo stattfand!). Das Platzangebot bestand aus ca. 600 Plätzen (heute laufen die Filme des Forums in vier Kinos, das Platzangebot beträgt ca. 1.800 Plätze). Für Besucher der Filmfestspiele empfahl es sich, doppelt akkreditiert zu sein- einmal beim Festival, ein anderes Mal beim Forum. Das Programm des Forums fand schon 1971 begeisterte Resonanz und eine Fülle von positiven Kommentaren - der "ZEITGEIST" verlangte allerdings auch nach einem Festival des neuen Typs, wie das Forum es verkörperte, wo keinen Wert auf Preise gelegt wurde, wo das neuartige Kino, das Autorenkino, der neue deutsche Film, die politischen Dokumentarfilme und Filme der 3. Welt im Mittelpunkt standen; wo ausgiebig über die Filme diskutiert werden konnte. Natürgemäß war ein großer Teil der Filme im 16mm-Format (das ist bis heute so geblieben).

Ein weiteres Prinzip der Programmplanung des Forums bestand von Anfang an darin, zwischen die modernen Filme punktuell auch historische zu stellen - um wichtige Informationslücken zu füllen, Filme endlich zugänglich zu machen, Verbindungslinien oder Paralellen zwischen Filmen herauszuarbeiten. So hat das Forum in den ersten Jahren die sowjetischen Klassiker gepflegt und Filme von Dsiga Wertow, Eisenstein, Esfir Schub, Kosinzw und Trauberg und Dowshenko gezeigt (vor 1975 konnten auf den berliner Filmfestspielen aufgrund noch nicht überwundener politischer Schwierigkeiten keine Filme aus sozialistischen Ländern laufen; nur auf dem Gebiet des historischen Kinos ließ sich dieses Prinzip "unterlaufen"). Daneben zeigte das Forum aber auch wichtige Werke des italienischen Neorealismus, so "OSSESSIONE" und "LA TERRA TREMA" von Visconti und "ROMA CITTA APERTA" und "PAISA" von Rossellini. Um hier zu gutem Kopienmaterial zu kommen, mußten abenteuerliche Wege eingeschlagen werden, die manchmal auch nur zu partiellem Erfolg führten (das Negativmaterial von "ROMA CITTA APERTA" war gerade von Italien nach Deutschland verkauft worden und befand sich in einem unbeschreiblich schlechten Zustand). Ebenso wichtig war es dem Forum, Werke wie Bunuels "L'AGE D'OR" oder den amerikanischen Film "THE SALT OF THE EARTH" vorstellen zu können, die bis dahin in Deutschland einfach nicht bekannt und im filmkulturellen Horizont nicht vorhanden waren.

Das Programm des Forums aus den siebziger und achtziger Jahren spiegelt die Entwicklungslinien neuer und aufkeimender Filmentwicklungen wieder. Dabei ist festzuhalten, daß sehr häufig debutierende Regisseure eng mit dem Forum verbunden waren, die später breite Anerkennung fanden und ihre Filme auch in verschiedenen internationalen Wettbewerben vorstellten. Das war so im Fall von Theo Angelopoulos, dessen erste Werke das Forum zeigte ("ANAPARASSTASI", "TAGE VON 36" und "DIE WANDERSCHAUSPIELER"), oder bei Nagisa Oshima (Das Forum zeigte "NACHT UND NEBEL ÜBER JAPAN", "DIE RÜCKKEHR DER DREI TRUNKENBOLDE" und "DIE ZEREMONIE" sowie später auch noch "L'EMPIRE DES SENS") oder bei Mrinal Sen, von dem das Forum bis 1977 sogar sechs Filme zeigte. Unter den europäischen Regisseuren sind Raoul Ruiz sowie in seiner Anfangsphase auch Peter Greenaway Stamm-Regisseure des Forums gewesen; von Greenaway zeigte das Forum insbesondere seinen faszinierenden ersten langen Film "THE FALLS" (1981). Der frühe Schweizer Film (Tanner, Soutter) war beim Forum in den siebziger Jahren stark repräsentiert; ebenfalls waren Regisseure wie René Allio (mit "LES CAMISARDS" und "MOI, PIERRE RIVIERE...") sowie die Brüder Taviani (mit "SOTTO IL SEGNO DELLO SCORPIONE", "SAN MICHELE AVEVA UN GALLO" und "PADRE PADRONE") beim Forum präsent. Jean-Luc Godard war häufiger vertreten und ebenfalls der inzwischen leider verstorbene Regisseur Jean Eustache mit seinem Meisterwerk "LA MAMAN ET LA PUTAIN"; Jacques Rivette präsentierte 1973 in einer Weltpremiere seinen 4 1/2 stündigen Film "OUT ONE SPECTRE", der inzwischen so etwas wie ein "weißer Elefant" des zeitgenössischen Kinos geworden ist; auf diese besonderen und seltenen, vielleicht auch schwierigen Filmwerke hat sich das Forum vor allem spezialisiert.

Zu den deutschen Regisseuren, die mit ihren Werken wiederholt im Forum präsent waren, gehören Rudolf Thome, Ulrike Ottinger, Jutta Brückner, Hans-Jürgen Syberberg, Helma Sanders-Brahms, Rosa von Praunheim, Werner Schroeter, Wim Wenders, die Dokumentaristen Klaus Schübel, Klaus Wildenhahn und Helga Reidemeister; zwei Filmemacherinnen waren 1978 gleichzeitig mit ihren Erstlingsfilmen im Forum vertreten: Margarethe von Trotta mit "DAS ZWEITE ERWACHEN DER CHRISTA KLAGES" und Helke Sander mit "DIE ALLSEITIG REDUZIERTE PERSÖNLICHKEIT".

Wenn man so etwas wie Schwerpunkte oder Entwicklungslinien fixieren möchte, die durch die Forumsprogramme von anfang bis heute hindurchgehen, kommt man auf folgende Gebiete, Genres oder Trends: das ethnographische Kino; den politischen Dokumentarfilm; das Experimental- oder Avantgardekino; das Kino von Frauen; die großen zeithistorischen Dokumentarfilme, die sich speziell mit der Geschichte der Nazizeit befassen (die Auseinandersetzung mit diesem Kapitel deutscher Geschichte hat das Forum stets als besonders dringlich angesehen); die außereuropäischen Kinematographien; neue Tendenzen und neue Regisseure im Kino der sozialistischen Länder. Darüberhinaus hat das Forum auch Filme von ungewöhnlichen Dimensionen bevorzugt, so besonders lange Filme ("THE JOURNEY" von Peter Watkins, Länge 14 Stunden und 33 Minuten; oder "SHOAH" von Claude Lanzmann, Länge: 9 Stunden 26 Minuten. Auf der anderen Seite ein besonders kurzer Film wie "LA SIGNATURE" von Marcel Broodthaers, Länge: 1 Sekunde). Im allgemeinen zeigt dagegen das Forum keine Kurzfilme und auch keine Filme unterhalb von 60 Minuten. Das Forum verweist die Hersteller von Kurzfilmen auf spezialisierte Veranstaltungen wie Oberhausen, wo Kurzfilme besser zu ihrem Recht kommen; Ausnahmen mit Kurzfilmen werden beim Forum nur gemacht, wo es um thematisch verwandte Filme oder Filme eines Regisseurs geht.

Aus den verschiedenen erwähnten Gebieten oder Genres können nur wenige Beispiele genannt werden, die immerhin wichtige Etappen, Höhepunkte der Entwicklungsgeschichte des Forums bezeichnen mögen.

Ein wichtiges Beispiel des ethnographischen Kinos ist der in Nepal gedrehte Film Film "SCHAMANEN IM BLINDEN LAND" von Michael Oppitz (1981) oder Rudolf Thomes und Cynthia Beatts "BESCHREIBUNG EINER INSEL" (1979). Darüber hinaus gibt es Filmemacher, die ethnographische Methoden bei der Beschreibung einer europäischen Umwelt benutzen, so z.B. der französische Dokumentarist Depardon. Aus Australien waren die ethnographischen Filmemacher David und Judith MacDougall beim Forumn zu Gast (1984) sowie der Dokumentarist Dennis O'Rourke (1986), es wurden jeweils größere Zusammenstellungen ihrer Filme gezeigt. Seit 1984 sind auch Filme von Jean Rouch in dessen Anwesenheit regelmäßig vom Forum gezeigt worden.

Das "politische" Kino stand besonders nach 1968 und in den siebziger Jahren im Vordergrund der Überlegungen vieler Filmemacher; einer ihrer prominentesten Vertreter war Jean Luc Godard. Für manche dieser Filmemacher war der politische Film nur ein Durchgangsstadium; andere haben ihre Methoden konsequent weiterentwickelt und sind zu Ergebnissen gekommen, die als gesellschaftliche Forschungsergebnisse ebenso faszinerend wirken wie als filmische Kunstwerke; zu diesen Filmemachern gehört Marcel Ophüls, der im Forum seine Filme "LE CHAGRIN ET LA PITI&EAacute;" zeigte (1972) sowie "HOTEL TERMINUS" (1989). Beide Filme bestätigen auf großartige Weise, wie die Filmkamera und die Gestaltungsmöglichkeiten des Kinos als Mittel der sozialen, politischen und geschichtlichen Recherche eingesetzt werden können; und wie Kino etwas ganz anderes sein kann als erzählender Fiktionsfilm zu Unterhaltungszwecken; nämlich ein Spiegel der Wirklichkeit, ein Instrument der Entdeckung, der Aufhellung und der Anregung jedes einzelnen Zuschauers. Im Verweisen auf diese alternativen Möglichkeiten von Kino neben und im Gegensatz zu den dominierenden Strömungen des etablierten, industriell hergestellten Films erblickt das Forum seine eigentliche, vornehmste Aufgabe. Und von daher erklärt sich auch, daß das Forum gegenüber verwandten Festivals oder Festivalteilen - beispielsweise der Quinzaine des réalisateurs in Cannes - auch viel mehr Dokumentarfilme und ungewöhnliche, experimentelle Filmgenres in den Mittelpunkt stellt.

An dieser Stelle muß der vielleicht größte und bewegendste Film genannt werden, den das Forum in seiner ganzen Geschichte gezeigt hat: "SHOAH" von Claude Lanzmann. Dieser Film rekapituliert ein Kapitel europäischer Geschichte, nämlich die Vernichtung des Judentums durch die Nazis, auf so unvergleichliche Weise, daß einem sowohl die Ungeheuerlichkeit der beschriebenen Ereignisse wie auch ihre Nähe ungeachtet des zeitlichen Abstandes auf eine Art und Weise bewußt wird, wie dies kein anderes Medium zustandebringen kann. Die Wirkung des Films erklärt sich zweifellos auch durch die Persönlichkeit von Lanzmann, durch sein leidenschaftliches Engagement und seine Unerbittlichkeit im Nachfragen und Aufdecken. Gleichzeitig ist dieser Film eine großartige Demonstration, wie sich auch die ästhetischen Möglichkeiten der Filmsprache zur Artikulation eines Themas, zu dessen Vertiefung und Orchestrierung und zur Herstellung einer besonderen Kommunikation mit dem Zuschauer nutzen lassen. Der Film hat nicht nur eine historisch/politische, sondern vor allem eine ästhetische Dimension. Man kann sagen, daß, wer "SHOAH" gesehen und auf sich wirken lassen hat, durch diesen Film innerlich verwandelt worden ist. Das Forum ist stolz, diesen Film, der Deutschland wie keine andere Nation angeht, gezeigt und und zu seiner Verbreitung beigetragen zu haben.

In der gleichen Perspektive muß man viele anderen Filme sehen, die das Forum vor und nach "SHOAH" gezeigt hat: "PARTISANS OF VILNA" oder "WE WERE SO BELOVED" von Manny Kirchheimer, aber auch "LODZ GHETTO" und früher schon "THE 81ST BLOW". Viele dieser Filme hat das Forum inzwischen in seinen Verleih übernommen.

Das Kino von Frauen ist im Forums-Programm immer stark repräsentiert gewesen (auch wenn es gelegentlich schwierig war, genügend geeignete Filme zu finden), und zwar in allen Genres und Bereichen. Besonders spürbar geworden ist das im Bereich des deutschen Films, wo alle wichtigen Filmemacherinnen - Elfi Mikesch, Ulrike Ottinger, Helma Sanders-Brahms, Helke Sanders, Jutta Brückner, Helga Reidemeister, Jeanine Meerapfel, Ula Stöckl (die Liste ist natürlich nicht vollständig) - im Forums-Programm vertreten gewesen sind. Im Forum liefen aber auch deutsche und ausländische Filme explizit feministischer Thematik oder Zielsetzung - so die italienischen Filme "PROZESS ÜBER VERGEWALTIGUNG" oder "MATERNALE" von Giovanna Gagliardo. Auch die Filme der Amerikanerin Yvonne Rainer sind hier zu nennen wie "FILM ABOUT A WOMAN WHO...", oder der experimentell angelegte Film von Chantal Akerman, "JEANNE DIELMAN". Zum großen Klassiker des "Frauenfilms" avancierte schließlich der dänische Film "NEHMEN SIE ES WIE EIN MANN, MADAME", produziert von den "Roten Schwestern" und gezeigt im Forum 1975. Dieser Film ist nach wie vor im Verleih der "Freunde" stark gefragt.

Ein Gebiet oder Genre, das das Forum seit Beginn in besonderem Maße pflegt, ist der Experimental- und Avantgardefilm. Gerade diese Filme, die es im allgemeinen im Kino und auf Festivals schwer haben, bedürfen in besonderem Maße der Pflege und Vermittlung. In den siebziger Jahren gab es in den USA noch eine existierende und einigermaßen kohärente "Schule" des avantgardistischen Films, die manchmal auch als "strukturelle" Schule des Filmemachens beschrieben wurde, obwohl nicht alle Filmemacher ihr zugeordnet werden können. Aus diesem Bereich hat das Forum wichtige Werke gezeigt, Meilensteine der Entwicklung, wie die Filme von Michel Snow ("LA RÉGION CENTRALE", "SO IS THIS") oder Stan Brakhage ("SINCERITY", "MURDER PSALM", "THE ACT OF SEEING WITH ONE'S OWN EYES") oder Jonas Mekas ("DIARIES, NOTES AND SKETECHES", "HE STANDS IN A DESERT..."). Auch Regisseure wie Ernie Gehr, Larry Gottheim und James Benning sind beim Forum zu Gast gewsen; die Filme von Hollis Frampton und Ken Jacobs haben wir gezeigt.

Die Schule des Experimental- und Avantgardefilms ist heute nicht mehr so klar formiert wie früher; dennoch wirken experimentelle Impulse in der Filmsprache und Erzähltechnik weiter, das kann man bei Regisseuren wie Jim Jarmusch ("PERMANENT VACATION") oder Alexander Rockwell beobachten ("LENZ").

Naturgemäß ist das Berliner Festival und also auch das Forum schon aufgrund seiner geographischen Lage besonders stark an allen neuen Entwicklungn im Bereich des Films der sozialistischen Länder interessiert. Aus Ungarn, Polen, der DDR und der UdSSR hat das Forum seit 1975 immer wieder aufsehenerregende, mutige und neuartige Filme vorstellen können. Aus Ungarn kamen dabei die langen Essayfilme von Darday und Szalai. Aus Polen zeigten wir viele Filme von Krzysztof Kieslowski, Feliks Falk und anderen Regisseuren. Aus der DDR hat das Forum bisher zumeist Dokumentarfilme gezeigt, darunter so wegweisende Werke wie "LEBENSLÄUFE" von Winfried Junge und "BUSCH SINGT", ein Gemeinschaftswerk verschiedener Regisseure unter Beteiligung von Konrad Wolf (auch dieser Film bearbeitet ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte, das ganz sicher nicht als "abgeschlossen" gelten kann). Besonders interessant waren die sowjetischen Filme, die das Forum seit 1975 zeigen konnte (sie waren nicht immer leicht zu beschaffen), darunter Werke wie "ICH BITTE UMS WORT" von Gleb Panfilow, die Filme von Wassilij Schukschin, die georgischen Beiträge von Tengis Abuladse ("DER BAUM DER WÜNSCHE", Forum 78) oder Otar Ioselliani "PASTORALE" (Forum 82), "Einige Interviews" von Lana Gogoberidse (Forum 79). Alles überragend die Figur von Andrej Tarkowskij, von dem das Forum 1981 "STALKER" zeigen konnte (andere Filme wie auch die von Paradshanow konnten die Freunde für ihren Verleih gewinnen).

Last but not least hat sich das Forum der Pflege des Kinos der Dritten Welt verschrieben. Im ersten Jahrzehnt bedeutete das vornehmlich Afrika und Lateinamerika. Regisseure wie Jorge Sanjinez und Ousmane Sembène waren mehrfach mit ihren Filmen im Forum präsent, daneben liefen auch wegweisende Werke wie Leon Hirszmans "SAO BERNARDO" aus Brasilien (1972) oder "DUVIDHA" von Mani Kaul (Indien 1975), oder "ALLTAGSLEBEN IN EINEM SYRISCHEN DORF" von Omar Amiralay, oder Filme von Dariush Mehrjui (Iran), Mrinal Sen (Indien), Paul Leduc (Mexiko) oder Merzak Allouache (Algerien). Seit der Mitte der achtzziger Jahre ist Ostasien mehr in das Zentrum des Interesses gerückt. Hier hat sich das Forum besonders auf die "Neue Welle" Taiwans und die Filme von Hou Hsiao-Hsien spezialisiert, die eine ganz neue Handschrift und Persönlichkeit erkennen lassen. Von Hou Hsiao-Hsien zeigte das Forum "GESCHICHTEN EINER FERNEN KINDHEIT" und "LIEBE, WIND, STAUB".

Besonders viel Aufsehenerregendes kam in den letzten Jahren auch wieder aus Japan (ein Land, das in zwei Jahrzehnen Forum gleichmäßig stark repräsentiert ist). Hier sind vor allem Dokumentarfilme zu nennen: "YUKI YUKITE SHINGUN" ("Vorwärts Armee Gottes") von Kazu Hara wurde 1987 auf dem Forum mit dem "Caligari"-Preis der AG für kommunale Filmarbeit ausgezeichnet und machte nach seiner Welturaufführung auf dem Forum die Runde fast aller Festivals auf der Welt; ebenfalls bemerkenswert sind die langen Dokumentarfilme von Shinsuke Ogawa ("JAPAN - DAS DÖRFCHEN FURUYASHIKI", Forum 84, und "GESCHICHTEN AUS DEM DORF MAGINO", Forum 87).

Das Internationale Forum des Jungen Films (dem nach seiner Errichtung niemand eine lange Zukunft voraussagen wollte) ist inzwischen zu einem festen Bestandteil der Berliner Filmfestspiele geworden. Seine Programm-Autonomie wurde nur ein einziges Mal in Frage gestellt: das war 1976, als ein Berliner Staatsanwalt die Kopie des Films "AI NO CORRIDA" ("L'empire des sens"/"Im Reich der Sinne") vonm Nagisa Oshima beschlagnahmte; ein in der Geschichte von Filmfestspielen nahezu einmaliger Vorgang. Das gegen den Leiter des Forums angestrengte Untersuchungsverfahren wurde allerdings bald darauf eingestellt und der Film gelangte dann auch in den westdeutschen Verleih.

Seit 1980 ist das Forum stärker in die Gesamtstruktur der Berliner Filmfestspiele integriert (so daß Außenstehende nicht mehr unbedingt die unabhängige Organisationsform des Forums erkennen können). Für die Besucher des Filmfestivals bringt das mehr Vereinfachung und Ünersichtlichkeit. Dagegen hat sich an der Programmkonzeption des Forums bis heute nichts geändert : die Auswahl gehorcht weiterhin den Kriterien der Anfragszeit; der innovative Wert eines Films oder sein Wert als Zeugnis, als Dokument, als neuartige Erfahrung für den Zuschauer geben den Ausschlag bei der Auswahl eines Films. Wenn sich manchmal die Grenzen zwischen den einzelnen Sektionen des Festivals zu verschieben scheinen, so deshalb, weil zunehmend "junge" und innovative, ja experimentelle Filme auch in anderen Sektionen des Festivals gezeigt werden - aufgrund einer Konmkurrenz-Situation, die nach wie vor gegeben ist.

Die Umwelt, in der das Forum heute steht, ist natürlich nicht mehr die gleiche wie 1971. Die Filmformen haben sich geändert. Es gibt nicht mehr wie früher ein entschieden kämpferisches Experimentalkino oder politisch argumentierendes Kino. Die Formen des Konsum- oder Unterhaltungsfilms scheinen heute weltweit stärker und fester etabliert als noch vor 20 Jahren. Auch im Kino der Dritten Welt zeichnen sich Veränderungen ab. Dieses Kino ist näher an uns herangerückt, aber es kann nicht immer mit den Kriterien des europäischen Autoren- oder Kunstfilms gemessen werden, um richtig verstanden zu werden.

Auf der anderen Seite gibt es auch heute immer noch Filmemacher, die hartnäckig ihrer eigenen Intuition folgen, auf Anpassung an die Gesetze des Marktes verzichten oder versuchen, diesen zu überlisten, die vor Schwierigkeiten nicht kapitulieren und aus der Beschränkung der Produktionsmittel neue Phantasie und neue Formen entwickeln. Diese Filmemacher sind die natürlichen Verbündeten des Forums in der Gegenwart und Zukunft. Wir meinen, daß es auch ein Publikum gibt, daß solche Filme weiterhin sehen will, ja sie sogar den hochglanzpolierten Produkten der Industrie vorzieht und das daran interessiert ist, mit den Herstellern dieser Filme ein einen Dialog zu treten. Für dieses Publikum und für diese Filmemacher arbeitet das Forum; es will sie in Kontakt miteinander bringen; es will Richtungen zeigen, Pfade in den Dschungel der weltweit wuchernden Filmformen und -stile schlagen.

  Ulrich Gregor


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