Celluloid Rembrandtiana

Die seit langem anhaltende Faszination, die die Figur des Künstlers auf das Kino ausübt, hat sich bisher in erster Linie auf einige wenige emblematische Persönlichkeiten wie Picasso oder Van Gogh konzentriert, die auf der Leinwand tatsächlich zum Inbegriff des ‚kreativen Genies‘ geworden sind. Gleichermaßen obsessiv, aber weniger bekannt ist die Geschichte der Leidenschaft des Kinos für Rembrandt van Rijn, dem Gegenstand dutzender Filme seit der Geburt des Mediums. Die Filmreihe „Celluloid Rembrandtiana“ zeigt eine repräsentative Auswahl dieser Filme – vom Spielfilm bis zum Dokumentarfilm, vom Experimentalfilm bis zum Kassenschlager aus Hollywood, vom Nazi-Monumentalfilm zur antifaschistischen Untergrundproduktion und von der kunsthistorischen Restaurierungschronik zum jüdisch-amerikanischen Nachkriegs-Fernsehen – um die (immer letztendlich kulturpolitisch hochsymptomatische) Breite dieser sehr unterschiedlichen „Mobilisierungen“ von Rembrandt zum Thema zu machen.
Bei dem ersten abendfüllenden Film über das Leben Rembrandts handelt es sich nicht, wie man vermuten würde, um eine niederländische Produktion, sondern interessanterweise um das deutsche Stummfilm-Melodram DIE TRAGÖDIE EINES GROSSEN von Arthur Günsburg aus dem Jahr 1920 (18. & 29.4.) über das Leben des „Größten Meisters der Niederlande“ (so der Titel der einzigen noch erhaltenen niederländischen Kopie des Films). Schon hier wird sichtbar, wie sehr die kinematographischen Auseinandersetzungen mit Rembrandt immer, wenn auch unbewußt, durch und durch politisch sind; die Gründe dafür sind auch mit der enormen Verbreitung von Julius Langbehns 1890 erschienener Polemik „Rembrandt als Erzieher“ verbunden, die den Künstler als ein kulturelles Heilmittel gegen das wachsende Unbehagen am Fin de siècle idealisierte.
Das gilt nicht weniger für den wohl bekanntesten aller Rembrandt-Filme, Alexander Kordas REMBRANDT aus dem Jahr 1936 (19.4.) mit Charles Laughton. Dieses üppig ausgestattete historische Kostümdrama, das auf einem Drehbuch von Carl Zuckmayer basiert, und von der Presse für seine präzise Verarbeitung der kunstgeschichtlichen Fakten gelobt wurde (so sind berühmte Gemälde Rembrandts detailgenau in Form von Tableaux vivants dargestellt) ist zugleich deutlich in seinem Philosemitismus und seiner Autoritarismus-Kritik. Ihre Antwort darauf lieferten nur wenige Jahre später die Nazis mit ihrer aufwendigen Version von Rembrandts Leben, Hans Steinhoffs EWIGER REMBRANDT von 1942. (21.4.)
Ähnlich wie historische Dramen über das Leben von Schiller, Mozart und Michelangelo, in denen die UFA den Personenkult als Mittel einsetzte, um vom Krieg abzulenken, präsentiert Steinhoff (bekannt durch Hitlerjunge Quex) Rembrandt als den „totalen Künstler“, dessen künstlerische Authentizität sich im Konflikt befindet mit dem „entarteten Materialismus“ des kapitalistischen Kunstmarkts. Angesichts dieser nationalistischen Aneignung mag es nicht völlig überraschen, daß der fast gleichzeitig gedrehte erste niederländische Rembrandt-Film als geheimes Projekt im Untergrund entstand.
Während allerdings Gerard Ruttens Kostümfilm De Magier van Amsterdam (Der Zauberkünstler von Amsterdam, 1941) nie fertiggestellt wurde, weil die Produktion nur wenige Wochen nach Drehbeginn von den Nazis entdeckt und gestoppt worden war, wurden die erhaltenen Szenen später in dem faszinierenden Dokumentarfilm REMBRANDT IN DE SCHUILKELDER (Rembrandt im Bunker, 1941–46) verarbeitet, der sich mit dem Schutz von nationalen Kulturgütern während des Krieges beschäftigt. Nach dieser ersten holländischen Produktion erlebte die Nachkriegszeit eine Flut von Rembrandt-Filmen, die erstmals auch die Möglichkeiten zu erkunden begannen, die in der spezifisch filmischen Darstellung des Rembrandtschen Œuvres lagen. In Hans Cürlis’ NIE GESEHENER REMBRANDT von 1954 wird beispielsweise die Kamera dazu verwendet, winzige Details an Rembrandts Radierungen zu untersuchen. Bert Haanstras 1957 anläßlich des 350. Geburtstages von Rembrandt entstandener Film REMBRANDT, SCHILDER VAN DE MENS (Rembrandt, Maler vom Menschen) ist der Versuch einer entpolitisierend humanistischen Darstellung des Künstlers anhand der Bilder selbst. In einer erstaunlichen Montage einer Reihe von Selbstporträts benutzt der Regisseur die Technik der Überblendung, um die Entwicklung von Rembrandts Vision seiner selbst darzustellen. Beinahe wie ein Gegenmittel zu Haanstras in gewisser Weise ehrfürchtiger Haltung wirkt Ernie Damens REMBRANDT VOGELVRIJ (Rembrandt Vogelfrei, 1969), der die Kommerzialisierung und den Konsum von Rembrandt als Touristenattraktion über die Ikonographie von Souvenirs und 8mm-Homemovies untersucht. (24. & 28.4.)
Vielleicht der erste Versuch, Rembrandts Leben in einer Weise darzustellen, die die simple narrative Struktur der traditionellen filmischen Biographie vermeidet, ist Jos Stellings polemisch revisionistischer Experimentafilm, der sich bemüht, Rembrandts visuelles Reich filmisch umzusetzen. Hochgelobt und zugleich kontrovers diskutiert, ist REMBRANDT FECIT 1669 (1977) ein überzeugendes Beispiel dafür, daß der Kostümfilm noch immer ein lebendiges filmisches Genre sein kann. (25.4.)
Spielten noch in Stellings Film die revisionistischen Entdeckungen der neuen biographischen Forschung eine Schlüsselrolle, so waren es in den neunziger Jahren die sehr bekannt gewordenen Aktivitäten des ‚Forschungsprojekts Rembrandt‘ (das die Authentizität sämtlicher Gemälde Rembrandts klassifizierte und dabei neueste wissenschaftliche Hilfsmittel wie Röntgenstrahlen, chemische Analyse etc. benutzte), die die filmische Auseinandersetzung mit dem niederländischen Künstler deutlich beeinflußten und veränderten.
Entsprechend dreht sich in John Badhams INCOGNITO (1997), einem Hollywood-Film mit Jason Patrick in der Rolle des zerstreuten Künstlers, der sein Geld als Meisterfälscher verdient (und beauftragt wird, einen perfekten Rembrandt zu malen), die zentrale Frage um falsche bzw. echte Rembrandts. (26.4.) Ähnlich materiell ist auch das Thema eines ungewöhnlichen Films: DE RESTAURATIE VAN DE NACHTWACHT IN HET RIJKSMUSEUM TE AMSTERDAM 1975–1976 (Die Restaurierung der Nachtwache im Amsterdamer Rijksmuseum 1975–76) dokumentiert die Restaurierung des bekanntesten der Rembrandt-Werke, nachdem es im Museum durch Messerstiche angegriffen worden war. Der Film wird zusammen mit der Videokopie eines frühen jüdisch-amerikanischen Fernsehfilms von Martin Hoade gezeigt, THE PASSOVER OF REMBRANDT VAN RIJN (1953), der vom Jüdischen Theologischen Seminar für NBC produziert wurde und den philosemitischen Rembrandt als Inbegriff des guten Europäers zeigt. (30.4.) (Thomas Y. Levin)
Anfang Mai startet die neue niederländische Rembrandt-Verfilmung von Charles Matton in den Kinos.
Prof. Thomas Y. Levin (Princeton/NY) hält im Sommersemester ein Seminar zum Thema der Filmreihe an der FU Berlin.
Mit Unterstützung der Niederländischen Botschaft in Berlin.